Nutella gegen peanut butter: Ein Kampf

Vielleicht könnt ihr mir mal helfen. Es gibt ein Thema, über das meine Frau und ich uns seit über einem Jahrzehnt streiten. Es ist eine Auseinandersetzung grösser als der West Coast/East Coast Streit unter den Ami Rappern oder der Zoff zwischen Didi Hallervorden und Fips Asmussen über die Erfindung des deutschen Humors. Es ist, sozusagen, Kramer gegen Kramer. Oder Portnoy gegen Portnoy.

Es ist besonders wichtig, dass wir das bei Seite legen: Wir feiern heute 13 Jahre Ehe.

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Der Streit fing an, als unsere Jüngste gerade ein Jahr alt war. Meine Frau bot ihr ein Stück Brötchen mit Nutella an.

„Was machst du da?” fragte ich. „Willst du, dass sie schokoladenabhängig wird? Schon so früh im Leben?“

Meine Frau guckte verwirrt. Als ob ich mich plötzlich in eine Gaswolke verwandelte und eine Sprache benutze, die noch nirgendwo in unserem Sonnensystem vorgekommen ist. Sie sah aus, als ob sie nicht wusste, ob sie lachen oder heulen sollte über die Entdeckung einer sprechenden Gaswolke. Sie wusste nicht, ob sie eine berühmte Entdeckerin werden würde oder ob sie nur einen an der Waffel hatte.

„Es ist bloß Nutella,“ antwortete sie. „Habe ich schon mein ganzes Leben lang gegessen und schau mich an.“ Ich weiß nicht genau ob sie tatsächlich ‚schau mich an‘ gesagt hat aber so höre ich das immer, wenn wir über Essen reden. Ich bin ja offensichtlich der US-Amerikaner in der Beziehung, wenn du weißt was ich meine. Ich bin etwas pummelig, das meine ich. Nur ein bisschen.

Meine Frau hingegen sieht europäisch aus.

„Es ist Schokoade und das ist ein Baby!“ bellte ich. Obwohl ich immer darauf bestand, dass meine Kinder zwei Pässe besitzen, habe ich ins geheim gehofft, dass sie nur das Essverhalten ihrer Mutter und alles andere von mir übernehmen würden. Lassen wir erstmal Herrn Mendel außen vor. Aber an dem Tag drohte meine Frau mit nur einem kleinen Stück Brötchen und einem Tröpfchen Nutella meine Hoffnung zu zerstören.

„Es ist bloß Nutella und ich habe es schon mein ganzes Leben lang gegessen (und schau mich an)“, sagte sie noch einmal. Aber dann griff sie in ihre ich-habe-einen-Ami-geheiratet Werkzeugkiste und sagte: „Außerdem, du hast ihr gestern Peanut Butter reingeschoben und das ist genau das Gleiche.“

Ha! Jetzt bist du dran. Hast du schon so was Absurdes gehört? Ich auch nicht. Peanut Butter und Nutella gleich? Wie bitte?

Nutella, peanut butter

Sie sind noch nicht mal in der gleichen Galaxie! Pure Erdnussbutter besteht bloß aus zermahlenen Erdnüsschen mit ein wenig Meeressalz. Purer geht´s nicht. Ok, vielleicht gibt es mal ein bisschen Butter und etwas mehr Salz dazu und, OK, die Erdnüsse sind geröstet aber mehr nicht. Erdnusscreme ist so pur, Adam und Eva haben wahrscheinlich davon gespeist bevor sie Granatapfel ausprobiert haben. Neandertaler haben wahrscheinlich Erdnussbutter geliebt und die konnten noch nicht mal sündigen, da das Ganze noch nicht erfunden wurde!

Peanut butter is pure and natural!

Nutella, im Gegenzug, wurde von Industrienationen erfunden um Leute auszutricksen, dass Haselnüsse Schokolade sein könnten. Es hat auch geklappt. Nutella ist super lecker! Aber es ist eine Schokolade von schweren industriellen Anlagen und darf nur als Nachtisch oder zu besonderen Anlässen gegessen werden. Industrielle Anlagen sind bekanntlich nichts für Kinder oder als Hauptspeise.

Es wird auf unserem Frühstückstisch nur geduldet, weil ich weiß, ganz Deutschland würde rebellieren, wenn ich was dagegen sagen würde. Aber ich glaube kaum dass jemand glaubt – noch nicht mal eine Deutsche – dass Nutella und Peanut Butter ernährungsmäßig gleich sind. Nur meine Frau!

„Schatz“, sage ich jetzt oft zu meiner Tochter. „Vielleicht reicht eine Brötchenhälfte mit Nutella.“ Sie ist bald Teenager aber es ist jetzt schon zu spät. Sie wurde viel zu früh mit Nutella verdorben.

Meine Frau schaut mich dann immer böse an.

„Schön. Du darfst zwei oder gar drei Brötchenhälfte mit Zentimeter dicker Peanut Butter und sie nur eine Hälfte mit einem Hauch von Nutella? Echt?“

Es ist ein Wunder das wir noch zusammen sind.

Meine Frau die Jedi Ritterin

Deutsche reden ungern aber diskutieren viel.

Mach die Glotze an Freitag Abends: Jeder diskutiert überall. In lässigen Sesseln, an runden Tischen, auf roten Sofas.

Und niemand diskutiert lieber als Beamte.

Wenn man einem Beamten in der freien Wildbahn begegnet – sprich, auf dem Amt – ist eine ablehnende Haltung nicht gleich eine Ablehnung. Es ist eine Einladung zu einer Diskussion.

Foto Dank Amira_a via Creative Commons
Foto Dank Amira_a via Creative Commons

Ein Beamter sagt vielleicht: “Das können wir leider nicht heute für Sie erledigen.” Und man würde meinen, dass es auch so ist. Aber meine Frau hat mir etwas Beamtisch beigebracht und in der Übersetzung heißt es, “Würden Sie bitte Ihre Anfrage begründen. Am besten mit etwas Schriftlichen von irgendeinem Amt und den einen oder anderen Paragrafen dazu.“

Und noch wahnsinniger: Leute reagieren darauf, reichen was ein und haben Erfolg.

Crazy!

Meine Frau ist ein Profi in Sachen diskutieren. Aber kein Wunder: sie ist ja deutsch. Aber selbst Deutsche sollten sie engagieren, um offiziellen Angelegenheiten zu klären. Sie geht nicht zum Amt um irgendwas zu klären. Sie geht dahin, um ein Kunststück zu schaffen. Beim Amt wandelte sich meine Frau in einen Jedi Ritter. Sie besiegt Beamte nach Beamte. Die dunkle Macht ist nichts gegen sie. „Das sind die Dokumente die Ihr sucht.”

Kurz nach der Geburt unseres zweiten Kindes sind wir umgezogen und mussten die neue Adresse anmelden. Das war in der Zeit, wo die ganze Welt das Internet nutzte, nur die Regierung nicht. Es gab weder Termine noch Anrufmöglichkeiten und einen postalischen Weg sowieso nicht. Die einzige Möglichkeit war ein Besuch im Bürgeramt Rathaus Mitte in Berlin. Angekommen wurden wir sofort von einem Schwarm unglücklicher Bürger begrüßt. Es war klar, dass sie alle schon viel zu lange gewartet hatten.

„Wo melden wir unsere neue Adresse an?“ fragte meine Frau mit schlafenden Baby im Baby Björn auf der Brust. „Ist hier die richtige Stelle?“

Die Frau hinter der Theke schien sich zu freuen. Ich dachte, sie freut sich weil sie uns wegschicken darf. Aber jetzt weiß ich, dass sie sich auf die Diskussion freute.

Foto dank die Grafs via Creative Commons
Foto dank die Grafs via Creative Commons

„Normalerweise kriegen Sie von mir eine Nummer und dann würden Sie oben warten bis Sie aufgerufen werden. Aber heute hat das keinen Sinn mehr. Da warten schon zu viele.“ Wie ich das jetzt schreibe, ist es viel netter als es damals rüber kam. Es klang ungefähr so, als ob wir den Easyjet Piloten gefragt hätten, ob wir das Flugzeug selber fliegen dürften.

„Ah“, sagte meine Frau mit der Ruhe eines Beamten. “Aber mein Mann hat doch heute Nachmittag extra frei genommen und das Baby schläft gerade. Vielleicht können wir einfach die Nummer nehmen und trotzdem warten? Nur Falls.“

„Das nutzt nichts. Sie kommen eh heute nicht mehr dran. Ich gebe Ihnen keine Nummer“, sagte die Beamtin. Vielleicht hat sie sogar gezischt. Mag sein, dass wir alle eine primitive Reptil Sprache können, irgendwo tief in einer primitiven Ecke unseres Gehirns.

Mag sein, dass Beamte eine ganz andere Spezies sind.

Ich bin fast ausgetickt. Ich bereitete mich auf einen legendären Vortrag über Steuerzahler und Öffentliche Mitarbeiter vor. Ich hätte vielleicht einen Oscar gewonnen. Oder meine ganze Familie generationsweise blamiert. Aber meine Frau hat einfach ihre Hand gehoben um mir zu sagen, `Wird alles gut`.

„Klar. aber mein Mann hat sich doch heute Nachmittag extra frei genommen und das Baby schläft gerade. Vielleicht können wir einfach eine Nummer nehmen und trotzdem warten. Wenn es nicht klappt, dann klappt es eben nicht.” Ach, meine Frau, dachte ich. Wie optimistisch! Und doof. Ich wurde immer wütender. Es war doch klar, dass diese Beamtin uns nicht helfen würde.

„Haben sie alle Unterlagen dabei?“ fragte die Beamtin. „Zeigen Sie mal her.”

Ah, dachte ich. Cooler Schachzug! Sie will uns jetzt zeigen, dass wir doch nicht alles dabei haben. Dann kann sie uns mit einem Schmunzeln wegschicken.

Nice Try, Frau Beamtin, dachte ich. Wir sind erfahrene Amtsgänger! Wir haben alles dabei. Schachmatt!

Ich war sehr stolz auf uns.

Die Beamtin nahm unsere Dokumente, drehte sich kurz weg und tippte was im Computer. Sie holte einen Ausdruck, machte einen Stempel drauf und drehte sich wieder zu uns. Dann gab sie uns den Stapel zurück.

„Da“, sagte sie. „Das habe ich für Sie erledigt.“

Wir müssen hier einen kleinen Zwischenstopp einbauen, weil so genial war dieser Moment. Es war einer der besten Momente meines Lebens. Vielleicht sogar besser als die Geburt meiner Kinder oder das erste Mal, als ich Star Wars gesehen habe. An dem Tag haben wir das Leben besiegt. Wir waren ganz Berlin überlegen.

„Wie hast du das geschafft?“ sagte ich voller Euphorie, als wir aus dem Bürgeramt liefen, mit der Anmeldung in der Tasche.

„Was geschafft?“ fragte sie. „Manchmal muss man sich halt auf eine kleine Diskussion einlassen.“